Überlebenshilfe

Jetzt, wo die Nächte schon recht kalt sind und auch tagsüber die Temperatur kaum 7 Grad C übersteigt, sind sie wieder unterwegs: die Herbstigel, jene spätgeborenen Stacheltierchen, die ausgehungert und verzweifelt auch tagsüber die Grünanlagen und Gärten durchstreifen, auf der (meist) vergeblichen Suche nach Futter. Diese Tiere brauchen dringend menschliche Hilfe! Doch Vorsicht - nicht jeder Igel, der noch unterwegs ist, soll/muß/darf deshalb eingefangen werden. Igel sind keine Haustiere, sie stehen unter strengem Naturschutz! Nur Tiere, die kleiner sind als 700 g (etwa eine Handlänge) oder eindeutig krank, geschwächt, verletzt sind, dürfen in menschliche Obhut genommen werden. Es ist keineswegs statthaft oder auch nur wünschenswert, im Herbst alle Kleinigel "einzusammeln" und im Haus oder Keller überwintern lassen zu wollen. Dies darf und kann nur ein Notbehelf sein! Treffen Sie aber auf so ein armes Kerlchen, das ohne Ihre Hilfe dem Untergang geweiht ist, beachten Sie bitte folgendes: Als Erste-Hilfe-Maßnahme sollten Sie dem Tierchen einen größeren Karton zur Verfügung stellen, und zum Aufwärmen eine handtuchumwickelte, etwa 35 Grad C heiße Wärmflasche hineinlegen. Bevor der Igel nicht seine normale Körpertemperatur erreicht hat, ist er nicht fähig zu fressen. Stellen Sie ihm nun etwas Katzen- oder Hundedosenfutter hin und zudem frisches Wasser - niemals aber Milch! Unbedingt erforderlich ist es, "Ihren" Igel möglichst noch am gleichen Tag einem Tierarzt vorstellen oder - besser - direkt einer Igelstation, da Igel als Wildtiere leider nicht zur Ausbildung der Tierärzte gehören. Die Adresse einer in Ihrer Nähe befindlichen Igelstation erfahren Sie bei der Igelhilfe e.V., Tel.: 030 - 411 01 17. Die dortigen Betreuer befreien das Tier dann von seinen Parasiten, führen erforderliche Behandlungen durch und beraten Sie auch gern weitergehend. Sie haben einen Garten? Das ist prima! Hier können Sie "Ihrem" Stacheltier am besten helfen. Stellen Sie ein Schälchen mit Hunde-/Katzenfutter, vermischt mit etwas Haferflocken, ungeschwefelten Rosinen oder Nüssen, hin. Auch Rührei (natürlich ohne Salz etc.!) lieben Igel sehr. Damit Ihre Hauskatze dem nächtlichen Gast nicht seine Häppchen stiehlt, empfiehlt es sich, die Futterschüssel abzudecken (z. B. mit einer kleinen, umgekehrten Obsthorde, die man oben beschwert). Auch wenn der neue Hausgast das Futter nicht mehr annimmt und offensichtlich in den Winterschlaf gegangen ist, sollten Sie noch zufüttern. Hierfür bieten sich diverse Igel-Trockenfutter an (erhältlich in guten Zoohandlungen), die unbeschränkt stehen bleiben können. Denn vielleicht weckt den Igel sein knurrender Magen, oder spielende Kinder oder Hunde stöbern ihn auf, auch steigende Temperaturen können ihm gefährlich werden. Findet er nach dem kräftezehrenden Prozeß des Aufwachens kein Futter vor, waren Ihre früheren Bemühungen vergeblich. Es sei aber ausdrücklich betont: Unsere Natur in einem "naturgemäßen" Zustand zu belassen, wäre die beste Hilfe für den Igel (und andere Kleintiere) überhaupt! "Saubermanns Garten" ist schon lange nicht mehr "in", sondern der Garten, in dem das Laub unter den Hecken liegen bleiben darf, abgeschnittene Äste und Reisig als Unterschlupf zur Verfügung stehen und - das Wichtigste - kein Schneckengift, keine Pestizide, Herbizide und sonstige -zide benutzt werden. Alle diese Gifte vernichten nicht "irgendwelches Ungeziefer", sondern wichtige Glieder der Nahrungskette für unsere Igel, Vögel und sonstige Kleinsäuger. Und das in manchen Gegenden leider schon übliche herbstliche "Igelsammeln" ist nicht nur verboten, sondern für den Bestand der Tiere auch gefährlich! Die richtige Betreuung eines Igels erfordert nicht nur Zeit und Liebe, sondern auch sehr viel Sachkenntnis. Ein Wort zum Abschluß: Viele Menschen meinen, es sei falsch, ein krankes oder hungriges Wildtier zu pflegen, da man "damit gegen die Natur" handeln würde. Diesen Menschen sei entgegengehalten: Wo ist die Natur eigentlich noch so, wie sie sein sollte? In den letzten hundert Jahren hat der Mensch seine Umwelt so weit verändert oder sogar zerstört, daß es nirgendwo mehr Tiere gibt, deren Lebensraum nicht beeinträchtigt wurde. Es ist unser aller Pflicht, einem kranken Tier zu helfen und damit vielleicht einen winzigen Teil dessen auszugleichen, was wir zerstört haben. Die Stacheltiere werden es Ihnen danken.

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